Paruresis Basiswissen

Antworten auf die wichtigsten Fragen rund um die "schüchterne Blase"

Was genau ist Paruresis?

Paruresis ist der wissenschaftliche Name für eine spezielle Angststörung. Menschen mit Paruresis können in Anwesenheit bzw. befürchteter Anwesenheit anderer Menschen nicht urinieren. Umgangssprachlich haben sich daher die Bezeichnungen "Angst vor öffentlichen Toiletten" oder "schüchterne Blase" etabliert.

Die Paruresis ist durch einen hohen Leidensdruck gekennzeichnet. Wer auf öffentlichen Toiletten nicht pinkeln kann, der muss ständig daran denken, wann und wo sich wieder eine Gelegenheit bietet sich zu leeren. Die Folge ist ein ausgeprägtes Vermeidungsverhalten. Um der Situation zu entgehen versuchen Betroffene häufig ihr Trinkverhalten so anzupassen, dass sie außerhalb des eigenen Wohnbereichs nicht auf Toilette müssen oder sie verzichten gleich ganz auf gesellschaftliche Anlässe, bei denen sie keine "sichere" Toilette aufsuchen können. Dadurch entstehen zwangsläufig Einschränkungen in der Freizeit - z.B. beim Ausgehen oder Reisen, in der Beziehungsführung, aber auch in der beruflichen Entwicklung.

Paruresis ist eine psychische Störung, bei der es nicht um Ekel vor unsauberen Toiletten geht, genauso wenig wie um Angst vor Nacktheit.

Ab wann spricht man von Paruresis?

Es gibt glücklicherweise keinen Standard, der besagt, wo und wie schnell jemand zu pinkeln hat. Demzufolge gibt es auch keine objektiven Kriterien dafür, ob jemand von Paruresis betroffen ist. Entscheidend ist vielmehr, wie sehr jemand darunter leidet, dass er oder sie auf öffentlichen Toiletten nicht immer urinieren kann. So ist z.B. ein Mann, der aus Anspannung kein Urinal benutzen kann, nicht von Paruresis betroffen, solange ihm diese Tatsache nichts ausmacht.

Welche Faktoren entscheiden darüber, ob ein Paruretiker auf einer Toilette urinieren kann oder nicht?

Es gibt ganz individuelle Faktoren, die es Betroffenen erleichtern oder erschweren eine Toilette zu benutzen. Für manche Betroffene hängt es hauptsächlich davon ab, wie weit die nächste Person von ihnen entfernt ist. Für andere kann es entscheidend sein, dass die einzelnen Toiletten klar von einander abgegrenzt sind z.B. durch Kabinenwände, die vom Boden bis zur Decke reichen.

Urinale mit hohen TrennwändenUrinale mit hohen Trennwänden können Männern das nötige Sicherheitsgefühl geben, um Wasser lassen können.

Unserer Erfahrung nach lassen sich die meist verbreiteten Einflussfaktoren folgendermaßen kategorisieren:

  • Beschaffenheit der Toilette
    • Privatsphäre: Gibt es Trennwände zwischen Urinalen? Sind die Kabinen durch durchgehende Wände voneinander getrennt?
    • Geräuschpegel: gibt es viele Hintergrundgeräusche oder ist es mucksmäuschenstill?
    • Einsehbarkeit: Sehen es alle, wenn ich auf diese Toilette gehe oder ist der Eingang eher versteckt?
  • Andere Personen
    • Abstand: Wie weit ist die nächste Person entfernt? (z.B. direkt am nächsten Urinal? Oder erst drei Kabinen weiter?)
    • Vertrautheit: Wie gut kenne ich die anderen Personen?
    • Autorität: Ist die andere Person auf der Toilette mein Chef oder ein Kollege aus einer anderen Abteilung?
    • Zeitdruck: Warten andere darauf, dass ich die Toilette freimache?
  • Eigenes Befinden
    • Stresslevel: Bin ich gerade entspannt oder eher gestresst?
    • Blasendruck: Wie groß ist der Harndrang, warte ich schon seit Stunden auf eine gute Gelegenheit oder gehe ich “nur zur Sicherheit”?

Wie entsteht Paruresis?

Die meisten Betroffenen berichten, dass sie seit ihrer Pubertät mit Paruresis leben. Viele können sich an den Moment erinnern, in dem sie erstmals in einer Toilette waren und “es nicht lief”.

Solche Momente müssen nicht zwangsläufig zu Paruresis führen. Nur wer sich dafür schämt, dass er nicht urinieren konnte, entwickelt daraufhin eine Angst, dass es beim nächsten Mal wieder nicht klappen könnte. Es ist jedoch gerade diese Erwartungsangst, die das Wasserlassen beim nächsten Toilettenbesuch erschwert.

Kreislauf der Angst bei Paruresis

Der Kreislauf der Angst verstärkt die bestehenden Befürchtungen.

Die Erwartungsangst führt dazu, dass das sympathische Nervensystem aktiv wird. Dieses bereitet den Körper auf bedrohliche Situationen vor und spannt u.a. die Ringmuskeln der Blase an. Solange diese Muskeln angespannt sind, kann sich die Blase jedoch nicht entleeren – ganz egal, wie sehr sie auch drückt.

Wie verbreitet ist Paruresis?

Paruresis ist offensichtlich ein ziemlich intimes Thema und so überrascht es auch nicht, dass das Problem in der Öffentlichkeit weitgehend unbekannt ist. Tatsächlich wissen sogar viele Betroffene nicht, dass es einen Namen für ihr Problem gibt! Belastbare Zahlen zur Verbreitung gibt es dank repräsentativer Studien, die eine Forschungsgruppe um Prof. Hammelstein 2005 und 2011 in Deutschland durchgeführt hat. Demnach leiden ca. 3% der Bevölkerung an einer behandlungsbedürftigen Paruresis.

Man könnte meinen, 3% der Bevölkerung ist ziemlich wenig, das würde ja noch nicht einmal für den Einzug in den Bundestag reichen! Aber wenn wir diese Angabe einmal in absolute Zahlen übersetzen, dann stellen wir fest: allein im deutschsprachigen Raum sind mehr als 1,5 Millionen Menschen von Paruresis betroffen. Dein Problem ist also wahrlich nichts Außergewöhnliches.

Visualisierung des Anteils der Bevölkerung mit Paruresis Auch wenn der Anteil von 3% recht klein erscheint, entspricht dies allein in Deutschland ca. 1,5 Millionen Betroffenen. Rothaarige machen übrigens nur 2% der Bevölkerung aus. Man könnte also meinen, es ist "normaler" Paruresis zu haben als rote Haare.

Uneinigkeit herrscht noch bei der Frage, ob Männer und Frauen in gleicher Weise und Anzahl betroffen sind. In der Vergangenheit waren zumindest unter denen, die Hilfe in Anspruch genommen haben, überwiegend Männer.

Wie kann man Paruresis überwinden?

In wissenschaftlichen Studien hat sich die kognitive Verhaltenstherapie als sehr wirksam für die Behandlung von Paruresis gezeigt. In einer solchen Therapie geht es einerseits darum, das Denken über die Paruresis zu verändern und beispielsweise zu akzeptieren, dass man länger auf der Toilette braucht und es keinen Grund gibt sich dafür zu schämen.

Andererseits ist eine sogenannte graduelle Exposition Teil dieser Therapie. Darunter versteht man eine schrittweise Konfrontation mit der angstauslösenden Situation. Im Fall von Paruresis bedeutet dies, gezielt öffentliche Toiletten aufzusuchen und sich langsam an die Situation zu gewöhnen – am Anfang vielleicht auf einer eher ruhigen Toilette mit viel Privatsphäre bevor man sich später Toiletten mit mehr Besuchern zuwendet.

Wo kann ich weitere Hilfe bekommen?

Prof. Dr. Philipp Hammelstein hat einen allgemein anerkannten Patientenratgeber geschrieben: „Lass es laufen! Ein Leitfaden zur Überwindung der Paruresis“.

Unter paruresis.de wird ein deutschsprachiges Selbsthilfeforum betrieben, das sich für den anonymen Austausch mit anderen Betroffenen anbietet.

Auf internationaler Ebene setzt sich die International Paruresis Association für weitere Forschung und Aufklärung über das Thema ein. Sie kann mittlerweile auf eine über 20-jährige Geschichte zurückblicken und bietet ein englischsprachiges Selbsthilfeforum an.

Weitere Informationen

Die Inhalte auf dieser Seite sind dem Informationsteil des WeMingo Selbsthilfeprogramms entnommen. Das Selbsthilfeprogramm ist noch nicht öffentlich verfügbar, aber du kannst dich schon vorab registrieren, sodass wir dich zum Start informieren können.

Disclaimer

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